Inter-Kulturelles

Sonntag, 28. Januar 2007

Hochachtung

All den westlichen und östlichen Zweifler an der Arbeitsmoral der Bewohner R.s haben wohl die Dvornikis (Hausmeister) aus ihrer Wahrnehmung verbannt. Pünktlich zur frühen Morgenstunde, unabhängig davon, ob es bereits hell ist oder das Dämmern noch bevorsteht, bei Regen, Schnee oder Wind, sieben Tage in der Woche beginnen die Unverdriessbaren ihre Arbeit. Das schabende Geräusch der Besen, das Kratzen der Rechen oder Schneeschieber ist tägliche Begleitmusik meiner Aufstehrituale, und weckt mich für einige Minuten aus dem Wochenendeschlaf. Ich vermute, dass die Hausmeister ihre Arbeit so pünktlich und gründlich aus eigenem Antrieb verrichten, der sich aus einem Verantwortungsgefühl speisen muss, unter Umständen fliessend übergehend zu einem Herrschaftsgefühl über die Hausaufgänge, Gehwege und Grünflächen. Wer ausser die eigene Arbeitsmoral könnte Menschen dazu bringen, pünktlich und in der zur Schau gestellten Korrektheit tagtäglich zu wirken. Natürlich gibt es die Hausbewohner, die pingelig die verrichtete Arbeit begutachten und gegenüber dem allseits präsenten Hausmeister anmerken werden. Als zusammengeschlossene Meute würden die Hausbewohner sicherlich einen eindrucksvollen Einschüterungseffekt erzeugen können; allein zu solcher Verbrüderung dürfte es kaum kommen. Bleibt also die tief verankerte, über Morgen-Müdigkeit, Wetterempflindlichkeiten und eventuelle Kater siegende Arbeitsmoral der Hausmeister R.s. All den Nörglern zum Trotz bestechen die Hausmeister auch noch durch Gründlichkeit: Zu den selbstverständlichen Dingen gehört es, dass die Gehwege täglich gefegt werden, zusätzlich werden aber auch Grünflächen mit Besen bearbeitet. Nicht immer zum Wohl des Grüns, aber Sauberkeit geht vor!

Samstag, 9. Dezember 2006

Public-Tourismus

Die Hauptmasse der Touristen ist in Gruppen unterwegs, je ihrem Führer folgend, der seine Schäfchen mit Sorge im Auge behält. In der Menge finden sich auch aber Individual-Touristen oder einfach nur Spaziergänger. Die Einzelgänger fallen nicht sonderlich auf, durchbrechen aber die Symmetrie der Gruppen. Sie halten für den Anschein her, dass an den zentralsten Punkten von F. auch ein normales Leben geführt wird. Ich sehe kaum Besucher, die von Freunden oder Verwandten durch die Stadt geführt werden. Der Tourismus ist hier - anders als in R. – eine getrennte Veranstaltung von Verwandten-Besuchen und privaten Reisen.

Intra-Touristen

Ich beäuge neugierig die Touristen, die sich am fortgeschrittenen Sonntagmorgen an den selben Plätzen wie ich in F. eingefunden haben. Ich beobachte mit Wohlwollen, wieviel Zeit sie sich nehmen, um die Umgebung zu betrachten, wie sie mit offenem Blick die Fassaden abmessen, mit gespitztem Ohr den Geschichten über die Stadt zuhören. Die Touristenmenge ist multikulturell, gut durchschmischt, mit Einschlägen aus allen Erdteilen, wobei längst nicht mehr zu sagen ist, wer woher kommt. Unter den Touristen bemerke ich einen grossen Anteil Einwohner D.s, die sich zur Erkundung anderer Städte ihres eigenen Landes – oder gar ihrer eigenen Stadt? – aufgemacht haben. Sehr sympathisch ist mir das Interesse und die Lust, im doch eigentlich bekannten, eigenen Land lokal spezifische, individuelle Eigenheiten zu erkunden.

Langsamkeit

In O. geht das Leben einen gemütlicheren Gang. Während in M. stets Eile und Gehetztheit zu spüren sind, herrscht in O. Gelassenheit und Würde. Die Langsamkeit der Flaneure ist abends, beim Bummel durch die alten Straßen, verständlich. Aber auch tags hat man es weniger eilig. Vielleicht hat man weniger zu tun, vielleicht mehr Zeit. Vielleicht sind es mehr Menschen, die nichts oder weniger zu tun haben als genussvoll zu wandeln, und die wiederum alle anderen bremsen. Diejenigen, die andernorts eilen würden, lassen sich vom gemächlichen Tempo der anderen anstecken.

Menschenleere

Abends in den Straßen von O. verblüfft mich die Menschenleere. Lange Zeit habe ich nicht mehr so wenige Menschen auf den Straßen angetroffen. Ich muss mich von meinem Wissen überzeugen lassen, dass ich nicht in einer Geisterstadt spazieren gehe.

Ruhe

Ich staune über die Stille und Unbelebtheit der Straßen, die ich morgens und abends bei meinem Gang zu und von der Arbeit antreffe. Sind es die geringere Anzahl von Autos, deren leisere Motorengeräusche, oder sind es die weniger zahlreichen Menschen, der geringeren Bevölkerungsdichte in O. geschuldet, die den Geräuschpegel senken? Oder sind es die Menschen, die ruhiger, stiller und unauffälliger ihren Geschäften nachgehen als die Menschen in M.?

Sonntag, 3. Dezember 2006

Yalta

Der majestätisch klingende Name Yalta entpuppt sich als eine eigenartige Ansiedlung von Gebaeuden. In den Aussenbezirken, in die Hänge gedrückt, sieht es ordinär sowjetisch aus. Plattenbauten dicht auf dicht, nur hier mit Palmen vor dem vergitterten Balkon. Die alten Villen im Zentrum sind ebenfalls dicht an dicht geschachtelt, mit wild wuchernden Gärten zwischen ihnen. So wild die Gärten, so uneinheitlich auch der Zustand der Gebäude: Einzelne frisch renoviert, in den Höfen anderer stapeln sich zusammengesammelter Haushaltsschrott, weht viel Wäsche im Wind, und die Villen sehen so eng und intensiv bewohnt aus, als würden die Kommunalkas noch längst nicht aus den weiten Etagen weichen wollen. Man ahnt es, und ich weiss es, dass ich die Gebäude berühmte Menschen beherbergt haben, dass ich hier auf geschichtsträchtigen Boden wandele. Doch nirgendwo ein Zeichen, eine Tafel, wer hier vor mir spaziert ist. Es kann gut sein, dass ich an hier mit jeder Villa, an der ich vorbeigehe, einen historischen Ort ignoriere. Erfahren werde ich es nicht, mangels Schilder oder Aushänge. Umsomehr mürbt mich das Gewissen, etwas verpasst zu haben.

Einstellung zur Arbeitssuche

Wie leichtsinnig die hiesigen Zeitgenossen die Chancen eines Jobs auf das Spiel setzen. Gleich so, als hätte die Funktion, der Arbeitgeber, sein Ruf, die Positionsbezeichnung keine Bedeutung. Den Kontrast bilden dazu die hohen Arbeitslosenzahlen und die vielen Jobs, die keine Perspektive bieten. Vor diesem Hintergrund wäre es logisch, an einem guten Job festhalten zu wollen, oder Bemuehen um einen „guten“ Job erkennen zu lassen. Das Gegenteil scheint der Fall. Bei Einstellungsgesprächen bleiben die Kandidaten stumm, distanziert, desinteressiert. Eine Kündigung scheint sie nicht sonderlich zu stören. Sind die sozialen Netzwerke tatsaechlich so dicht geknuepft, dass es auf eine persoenliche Karriere nicht ankommt, weil jeder in den weichen Schoss der Familie zurückfallen kann? Oder ist es wirklich ein solches Novum, dass es für das Verbleiben und Weiterkommen auf persönliche Leistung ankommt, und nicht auf die Lobby der Familie, oder auf die Beziehungen zu den Vorgesetzten?

Sonntag, 6. November 2005

Feiertag

An diesem Wochenende wurde ein Feiertag dem Wochenende vorangestellt. Am Morgen liegt eine Gedämpftheit über der Stadt, die mich nach dem zeitigen Aufwachen überrascht. Die Straßen scheinen leergefegt, nur wenige Autos sind unterwegs, das Rumpeln der Straßenbahnen ist nur mit ungewohnt langen Pausen zu hören. Es braucht lange, bis sich die Szenerie belebt auf dem Hof und zur Stadt hin. Gegen Mittag tauchen einige torkelnde Gestalten auf, Lieder singend, zum Feiertag grüßend. Ein Mann kann nicht an sich halten und wäscht seinen Wagen im Hof. Laut diskutierend, dass dieser Feiertag künstlich und erfunden sei, und erfragt sich den Beweis, dass niemand wisse, zu wessen Ehren er begangen wäre. An diesem Tage fehlen die die Eiligkeit der zur Arbeit Verpflichteten, die Geschäftigkeit des endlos Hin- und Herwallenden Verkehrs, die Zielstrebigkeit der vom Einkauf Heimkehrenden. Eine eigenartige Ruhe in einem Land, in dem der Sonntag keinen Haltepunkt bietet, in dem am Wochenende turbulenter gehandelt wird als an allen anderen Wochentagen. Ein freier Tag mehr, und ernsthafte Feiertagsstimmung legt sich über das Land. Es darf vermutet werden, dass die Hingabe an den Feiertag mit vielen Flaschen Wodka erkauft wurde.

Sonntag, 31. Oktober 2004

Brrrr

Der Winteranfang hat den Monat November nicht abwarten können. Der erste Schnee ist bereits gefallen, für ein paar Stunden schimmerte die Stadt weißlich. Das war vor ein paar Tagen, seitdem hat sich das Schauspiel noch ein paar Mal wiederholt. Mit sich bringt die neue Jahreszeit Kälte, Klagen über die Kühle am Morgen und am Abend beim Gang zur und von der Arbeit, am Beginn der Heizperiode überheizte Büros, in deren Folge ständig offene Fenster, Angst vor Erkältung. Voraussagbar auch die ultimative Ermahnung an die Ausländerin, sich jetzt endlich doch mit fellbewehrten Mänteln, Schuhen, Mütze und Handschuhen einzukleiden, was alle anderen Bewohner schon längst getan haben. Bereits geschehen das erste Tragen der (vorjährigen) Mütze, Handschuhe, und der erste Spaziergang in Winterstiefeln. Heute erlebt das erste – und bleibende – Erstaunen über einen mutigen Badenden, der noch einmal vor Eintreffen der Eisschollen durch den Fluß schwamm. Von der Mutprobe ausgenommen war sein Kopf, auf dem er souverän seine Ohrklappen-Fellmütze über den Fluß trug, ansonsten sprach seine tiefrot gefärbte Haut (bis auf seine Badehose in Gänze entblößt) dafür, dass er sich nichts ersparte. Persönlich sind mir die angedrohten erreichbaren 40 Grad Minus im kommenden Winter Mutprobe genug. Ich wäre aber gern bereit gewesen, jenem Mutigen meine Bewunderung auszusprechen, doch hatte ihn die Strömung weit von meinem Spazierweg abgetrieben. Vermutlich hat man ihn stromabwärts nicht nur mit wärmenden Worten, sondern auch mit verlässlich wärmenden Spirituosen erwartet.

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