Samstag, 9. Dezember 2006

Kopftuchstreit

Pamuk legt seinen Romanfiguren als Argumente für das Kopftuch in den Mund, dass es die Frauen vor den begehrlichen Blicken der Männer schützt. Daneben findet sich das Koran-Zitat, dass sich die Frau verhüllen soll – den Verweis lege ich zu den Akten als Bemäntelung und Rechtfertigung der eigentlichen Absicht. Die wiederum die weltliche, originäre Forderung des Kopftuch-Tragens ist. Da ich es nicht besser weiss, nehme ich die Argumente der Pamuk’schen Protagonisten als wahrheitsgetreu übermittelt an. Der Schriftsteller Pamuk kann hier manipuliert haben – ich begebe mich ganz in die Abhängigkeit zu seiner Wahrheitstreue.
Mir stösst auf, dass es keinem der Protagonisten einfällt, die Perspektive des Problems zu wechseln. Frauen sollen sich verhüllen, um den unbeherrschten Männerblicken auszuweichen. Warum sollen nicht Männer erzogen werden, Frauen eben nicht nachzustieren und ihre Gier nach Frauen(körpern) zu beherrschen? Diese umgekehrte Logik klingt so einfach, dass sie gleichzeitig naiv scheint. Um die Vermutung der Naivität nicht auf den Schreibenden überspringen zu lassen, füge ich selbstverteidigend folgendes an: Politikökonomische Modelle würden natürlich suggerieren, dass die Meinungsführer den für sie bequemsten Pfad wählen, und der wäre nun einmal, nicht sich selbst zu beschränken, sondern anderen Beschränkungen aufzuerlegen. In diesem Falle würden die meinungsführenden Männer nicht auf die Idee kommen, die Veränderung bei sich selbst zu beginnen, sondern an den Symptomen ihrer eigenen Einstellungen zu doktorn. Hier würden sie die schwächer vertretenen Frauen zum Tragen von Kopftüchern zu zwingen, um eventuell aufzuweckenden Begehrlichkeiten zu vermeiden. Und natürlich soll angemerkt werden, dass es keineswegs leicht ist, tief verwurzelte Einstellungen zu verändern und einen gesellschaftlichen und kulturellen Wandel zu bewerkstelligen. Aber diese zwei Argumente beschreiben nur Schwierigkeiten der Durchführung.
Ich vermute, dass die religiös motivierte Argumentation noch vor diesen Durchführungs-Fragen ansetzt. Ich vertraue auf den schwankenden Boden meiner Bibelkenntnisse, und erinnere verschwommen, dass dort die Frau mit einer geschlechterspezifischen Erbsünde geboren ist, und immer daran schuld sein wird, das Begehren des Mannes hervorzurufen. Wenn diese Aussage von den religiösen Kopftuch-Verfechtern als status quo angenommen wird, wird natürlich immer die Frau Sorge tragen müssen, nicht angestarrt und nicht weitergehend begehrt zu werden. Die männliche Hälfte ist hier aussen vor, weil sie ja herausgefordert wird, und nur ihren Instinkten gehorcht. Es sieht so aus, als ob Frauen und Männer in einem Teufelskreis gefangen wären: Die Frau als ewig lockendes Weibskörper schreitet vor dem Mann auf und ab, der dumpf seinen Tier-Instinkten gehorchend, immer wieder in die Falle tappt, und sein Verlangen nicht zügeln kann. Warum der Mann seine Instinkte allerdings nicht beherrschen kann, wenn er doch sonst imstande ist, Berge zu bewegen, lässt die Bibel ungeklärt. Bleibt also kein Argument gegen den Vorschlag, dass die andere, männliche Seite, die Anstregung annehmen könnte, das Tierreich zu verlassen und grössere Beherrschung zu zeigen. Was die Protagonisten von Pamuk angeht, tendiere ich zu leiser Hoffnung, dass eine Diskussion mit umgekehrten Perspektiven noch vorkommen wird. Ich bin erst bei der Hälfte des Buches angelangt.

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