Sonntag, 28. Januar 2007

Hoch lebe das Genre blog

Diejenigen, die böse unken, dass die Internet-Revolution nur zur beschleunigten Verbreitung von trivialen Inhalten beitragen würde, verweise ich auf die Gattung blog. Bei einem – bei weitem nicht erschöpfenden – Stöbern durch die Blog-Landschaft sind mir herzerwärmend viele Texte mit intelligentem Inhalt und guter Stilistik über den Bildschirm gekommen, dass ich meine Arme zu einer Versöhnungsumarmung mit der postmodernen Welt ausstrecken möchte. Es gibt eine Menge Menschen, die sich von ihrer kostbaren Zeit nehmen, um ihre Gedanken zu notieren, und – wahrscheinlich viel wichtiger – Lust daran haben, sich für nichts und wieder nichts in Sprachexperimenten zu ergehen. Dabei zeigen viele, dass sie in der Tat mit Sprache umgehen können, schöne Kurven und Wendungen beherrschen. Leichtes Stirnrunzeln rufen bei mir blogs hervor, die den Hauptteil ihrer Pseudo-Sätze mit drei Punkten enden, oder gar noch damit beginnen lassen. Aber auch zwischen sechs Punkten steht hier und da Gutes geschrieben.
Blogs bieten genau die Plattform, die den heimlich oder potentiell Schreibenden nicht geboten wird in den herkömmlichen literarischen Genren, wo sie zwischen allen Stühlen sitzen gelassen wurden. Von Prosa und Lyrik sind blogs meilenwert entfernt, aber Zeitungen kommen in der Eigenschaft der Aktualität der Nische blog wohl am nächsten. Für Zeitungen sind die Texte oft zu persönlich, und zu unausgegoren. Eine private Erfahrung rechtfertigt noch keinen Artikel, aber reicht genau für eine Notiz in einem blog. Für einen Artikel gehört sich eben ungefragt eine weitausschweifende Recherche und die Herstellung eines Bezugs wenn schon nicht zum Weltgeschehen, dann zumindest zu einem aktuellen und lokalisierbaren Thema. Und, blogs sind oft zu witzig für seriöse Publikationen wie Zeitungen. Die Leser könnten den einen oder anderen Humor-Umschwung der Autoren wohl missverstehen, und eine durchweg ironische Zeitung ist wohl auch unvorstellbar – ich kaufe auch Zeitungen für ihre seriöse Berichterstattung, und nicht, um die Ereignisse in einen ironischen Kommentar bereits weiterverarbeitet zu lesen. Blogs sind also eher Lesestoff für nach der Zeitungslektüre. In jedem Falle sind blogs wunderbar, um sich Mal um Mal zu überzeugen, dass es intelligente, scharf beobachtende, nachdenkliche, gebildete, gewitzte, und gar nicht dröge Menschen gibt. Zu einem Wunder der postmodernen Welt gehört es wohl auch, dass diese Menschen mit einem Idealismus ausgestattet sind, um in stillen Kammern viele Stunden zu opfern für ominöse Leser, oder einfach nur, um einen hoffentlich guten Text zu verfassen.

Hochachtung

All den westlichen und östlichen Zweifler an der Arbeitsmoral der Bewohner R.s haben wohl die Dvornikis (Hausmeister) aus ihrer Wahrnehmung verbannt. Pünktlich zur frühen Morgenstunde, unabhängig davon, ob es bereits hell ist oder das Dämmern noch bevorsteht, bei Regen, Schnee oder Wind, sieben Tage in der Woche beginnen die Unverdriessbaren ihre Arbeit. Das schabende Geräusch der Besen, das Kratzen der Rechen oder Schneeschieber ist tägliche Begleitmusik meiner Aufstehrituale, und weckt mich für einige Minuten aus dem Wochenendeschlaf. Ich vermute, dass die Hausmeister ihre Arbeit so pünktlich und gründlich aus eigenem Antrieb verrichten, der sich aus einem Verantwortungsgefühl speisen muss, unter Umständen fliessend übergehend zu einem Herrschaftsgefühl über die Hausaufgänge, Gehwege und Grünflächen. Wer ausser die eigene Arbeitsmoral könnte Menschen dazu bringen, pünktlich und in der zur Schau gestellten Korrektheit tagtäglich zu wirken. Natürlich gibt es die Hausbewohner, die pingelig die verrichtete Arbeit begutachten und gegenüber dem allseits präsenten Hausmeister anmerken werden. Als zusammengeschlossene Meute würden die Hausbewohner sicherlich einen eindrucksvollen Einschüterungseffekt erzeugen können; allein zu solcher Verbrüderung dürfte es kaum kommen. Bleibt also die tief verankerte, über Morgen-Müdigkeit, Wetterempflindlichkeiten und eventuelle Kater siegende Arbeitsmoral der Hausmeister R.s. All den Nörglern zum Trotz bestechen die Hausmeister auch noch durch Gründlichkeit: Zu den selbstverständlichen Dingen gehört es, dass die Gehwege täglich gefegt werden, zusätzlich werden aber auch Grünflächen mit Besen bearbeitet. Nicht immer zum Wohl des Grüns, aber Sauberkeit geht vor!

Ein Morgen

Endlich wieder einmal ein idealer Sonntagmorgen: Mit moderatem Ausschlafen, etwas mehr Zeit im Bad, viel Kaffee und Zeitunglesen, am besten Feuilleton. Da macht es nichts, dass die ZEIT vom Oktober vergangenen Jahres ist, und der Kaffee aus Instant-Pulver aufgegossen ist, ganz ohne Kaffeeduft. Dafür gibt es Sonnenschein und blauen Himmel, und auf dem Hof liegt eine neue Schicht Schnee. Der von meinem Fenster sichtbare Fernsehturm ist nicht in Nebel, sondern in seinem oberen Ende in eine hohe Wolke gehüllt. Und in der Stadt ist eine Stille, die an Wochentagen in der Metropole M. undenkbar ist. Die Ruhe ruft bei mir Erinnerungen an Sonntage in meinen Behausungen in den provinziellen Städten T. und A. hervor. Aus meinen Fenstern dort waren ein Meer geduckter Häuser mit Vorgärten, brache Flächen mit einigen Industriebauten am weiteren Horizont und ein karger Hof mit angrenzenden siebenstöckigem Plattenbau zu sehen. Die Ausblicke waren jeweils mit Schnee bedeckt, mit der Geräuschkulisse verinzelten Vogelzwitscherns. Es mag Vergangenheitsverklärung sein, mein sich verbreitendes Sehnen nach diesen Momenten provinzieller Stille und Gemütlichkeit .

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