Hochkultur
Diejenigen, die böse unken, dass die Internet-Revolution nur zur beschleunigten Verbreitung von trivialen Inhalten beitragen würde, verweise ich auf die Gattung blog. Bei einem – bei weitem nicht erschöpfenden – Stöbern durch die Blog-Landschaft sind mir herzerwärmend viele Texte mit intelligentem Inhalt und guter Stilistik über den Bildschirm gekommen, dass ich meine Arme zu einer Versöhnungsumarmung mit der postmodernen Welt ausstrecken möchte. Es gibt eine Menge Menschen, die sich von ihrer kostbaren Zeit nehmen, um ihre Gedanken zu notieren, und – wahrscheinlich viel wichtiger – Lust daran haben, sich für nichts und wieder nichts in Sprachexperimenten zu ergehen. Dabei zeigen viele, dass sie in der Tat mit Sprache umgehen können, schöne Kurven und Wendungen beherrschen. Leichtes Stirnrunzeln rufen bei mir blogs hervor, die den Hauptteil ihrer Pseudo-Sätze mit drei Punkten enden, oder gar noch damit beginnen lassen. Aber auch zwischen sechs Punkten steht hier und da Gutes geschrieben.
Blogs bieten genau die Plattform, die den heimlich oder potentiell Schreibenden nicht geboten wird in den herkömmlichen literarischen Genren, wo sie zwischen allen Stühlen sitzen gelassen wurden. Von Prosa und Lyrik sind blogs meilenwert entfernt, aber Zeitungen kommen in der Eigenschaft der Aktualität der Nische blog wohl am nächsten. Für Zeitungen sind die Texte oft zu persönlich, und zu unausgegoren. Eine private Erfahrung rechtfertigt noch keinen Artikel, aber reicht genau für eine Notiz in einem blog. Für einen Artikel gehört sich eben ungefragt eine weitausschweifende Recherche und die Herstellung eines Bezugs wenn schon nicht zum Weltgeschehen, dann zumindest zu einem aktuellen und lokalisierbaren Thema. Und, blogs sind oft zu witzig für seriöse Publikationen wie Zeitungen. Die Leser könnten den einen oder anderen Humor-Umschwung der Autoren wohl missverstehen, und eine durchweg ironische Zeitung ist wohl auch unvorstellbar – ich kaufe auch Zeitungen für ihre seriöse Berichterstattung, und nicht, um die Ereignisse in einen ironischen Kommentar bereits weiterverarbeitet zu lesen. Blogs sind also eher Lesestoff für nach der Zeitungslektüre. In jedem Falle sind blogs wunderbar, um sich Mal um Mal zu überzeugen, dass es intelligente, scharf beobachtende, nachdenkliche, gebildete, gewitzte, und gar nicht dröge Menschen gibt. Zu einem Wunder der postmodernen Welt gehört es wohl auch, dass diese Menschen mit einem Idealismus ausgestattet sind, um in stillen Kammern viele Stunden zu opfern für ominöse Leser, oder einfach nur, um einen hoffentlich guten Text zu verfassen.
rangingsea - 28. Jan, 10:12
Pamuk legt seinen Romanfiguren als Argumente für das Kopftuch in den Mund, dass es die Frauen vor den begehrlichen Blicken der Männer schützt. Daneben findet sich das Koran-Zitat, dass sich die Frau verhüllen soll – den Verweis lege ich zu den Akten als Bemäntelung und Rechtfertigung der eigentlichen Absicht. Die wiederum die weltliche, originäre Forderung des Kopftuch-Tragens ist. Da ich es nicht besser weiss, nehme ich die Argumente der Pamuk’schen Protagonisten als wahrheitsgetreu übermittelt an. Der Schriftsteller Pamuk kann hier manipuliert haben – ich begebe mich ganz in die Abhängigkeit zu seiner Wahrheitstreue.
Mir stösst auf, dass es keinem der Protagonisten einfällt, die Perspektive des Problems zu wechseln. Frauen sollen sich verhüllen, um den unbeherrschten Männerblicken auszuweichen. Warum sollen nicht Männer erzogen werden, Frauen eben nicht nachzustieren und ihre Gier nach Frauen(körpern) zu beherrschen? Diese umgekehrte Logik klingt so einfach, dass sie gleichzeitig naiv scheint. Um die Vermutung der Naivität nicht auf den Schreibenden überspringen zu lassen, füge ich selbstverteidigend folgendes an: Politikökonomische Modelle würden natürlich suggerieren, dass die Meinungsführer den für sie bequemsten Pfad wählen, und der wäre nun einmal, nicht sich selbst zu beschränken, sondern anderen Beschränkungen aufzuerlegen. In diesem Falle würden die meinungsführenden Männer nicht auf die Idee kommen, die Veränderung bei sich selbst zu beginnen, sondern an den Symptomen ihrer eigenen Einstellungen zu doktorn. Hier würden sie die schwächer vertretenen Frauen zum Tragen von Kopftüchern zu zwingen, um eventuell aufzuweckenden Begehrlichkeiten zu vermeiden. Und natürlich soll angemerkt werden, dass es keineswegs leicht ist, tief verwurzelte Einstellungen zu verändern und einen gesellschaftlichen und kulturellen Wandel zu bewerkstelligen. Aber diese zwei Argumente beschreiben nur Schwierigkeiten der Durchführung.
Ich vermute, dass die religiös motivierte Argumentation noch vor diesen Durchführungs-Fragen ansetzt. Ich vertraue auf den schwankenden Boden meiner Bibelkenntnisse, und erinnere verschwommen, dass dort die Frau mit einer geschlechterspezifischen Erbsünde geboren ist, und immer daran schuld sein wird, das Begehren des Mannes hervorzurufen. Wenn diese Aussage von den religiösen Kopftuch-Verfechtern als status quo angenommen wird, wird natürlich immer die Frau Sorge tragen müssen, nicht angestarrt und nicht weitergehend begehrt zu werden. Die männliche Hälfte ist hier aussen vor, weil sie ja herausgefordert wird, und nur ihren Instinkten gehorcht. Es sieht so aus, als ob Frauen und Männer in einem Teufelskreis gefangen wären: Die Frau als ewig lockendes Weibskörper schreitet vor dem Mann auf und ab, der dumpf seinen Tier-Instinkten gehorchend, immer wieder in die Falle tappt, und sein Verlangen nicht zügeln kann. Warum der Mann seine Instinkte allerdings nicht beherrschen kann, wenn er doch sonst imstande ist, Berge zu bewegen, lässt die Bibel ungeklärt. Bleibt also kein Argument gegen den Vorschlag, dass die andere, männliche Seite, die Anstregung annehmen könnte, das Tierreich zu verlassen und grössere Beherrschung zu zeigen. Was die Protagonisten von Pamuk angeht, tendiere ich zu leiser Hoffnung, dass eine Diskussion mit umgekehrten Perspektiven noch vorkommen wird. Ich bin erst bei der Hälfte des Buches angelangt.
rangingsea - 9. Dez, 13:21
Ich kann mich nicht erinnern, dass mich ein Film ähnlich wütend gemacht hätte. Wahrscheinlich rebelliert meine Wahrheitsliebe gegen diesen Film, der auf eine ernsthafte Aufarbeitung der neueren Geschichte prätendiert, aber dabei die Tatsachen falsifiziert. Der Stein des Anstosses ist für mich die Wandlung des Stasi-Mannes, der zum heimlichen Gehilfen und Retter des von ihm bewachten Oppositionellen wird. Ich kann nicht glauben, dass es auch nur einen Fall in diesem weit gefächerten Apparat gegeben hat, dass ein Stasi-Mitarbeiter die Seiten gewechselt hätte oder seine Karriere aufs Spiel gesetzt hätte, um den von ihm bespitzelten Menschen zu helfen. In der Presse ist kein einziger solcher Fall bekannt geworden – und es spricht nichts dagegen, dass ein solcher Fall es in die Presse geschafft hätte und wohl auch allgemeines gesellschaftliches Wohlwollen gefunden hätte. Die Stasi-Mitarbeiter (dazu noch Hauptamtliche!) als mitfühlende, und mithelfende Gutmenschen darzustellen in einem Film, der mit seinem Gebaren und in seinen Ankündigungen als wahrheitsgetreu und geschichts-aufbereitend daherkommt, ist eine Falsifizierung, eine Lüge, Geschichtsfälschung. Wenn von dem Film ein Gefühl zurückbleibt, dass die Stasi doch kein so schlimmes Regime-Element gewesen sei, weil es ja doch menschlich-liebenswerte Lücken und Quertreiber im System gegeben hat, und deshalb ja alles ganz nett und letztlich ja fast als Happy-End mit beinaher Aussöhnung ausgegangen ist - dann führt sich der Anspruch der Ernsthaftigkeit des Filmes ad absurdum. Ich kann nur hoffen, dass sich niemand auf der Grundlage dieses Filmes eine Meinung über die Stasi bilden wird. Und ich hoffe, dass die Zuschauer diesen Film alsbald als vielleicht berührenden, aber nicht allzu beeindruckenden Film bald wieder vergessen. Vielleicht ist es wirklich ein wichtiger Film für Deutschland, wie die eigens für die Vorstellung in M. angereiste Hauptdarstellerin vor der Vorführung sagte. Aber wohl hoffentlich in dem Sinne, dass den Oppositionellen und Ausspionierten der Stasi endlich wieder ein Anlass geboten wird, laut zu protestieren gegen die Verniedlichung der Stasi in diesem Film und gegen das allgemeine Vergessen.
Die Anklage der Geschichts-Fabrikation erschöpft meine Kritik aber noch nicht. Der Film blendet die schmerzhaften Konflikte zwischen Freunden, Partnern, Kindern und Eltern aus, die aufgrund von IM-Bespitzelungen Freundschaften und Familien zerstört haben. Im Film wird die Partnerin und Verräterin durch Selbstmord aus dem Weg geräumt, und es ist niemand mehr da, gegen den die real vorgekommenen Verdächtigungen ausgesprochen werden könnten. Es gibt zwar eine Menge Szenen, in denen Verdächtigungen und das gegenseitige Bespitzeln thematisiert wird, diese sind aber halbwitzig gehalten und nicht bis zum Ende entwickelt.
Die Filmautoren hätten sich entscheiden müssen, ob sie einen ernsthaften, bitteren, schmerzhaften Film machen wollen, der einzig dem Anspruch der ernsthaften Geschichtsaufarbeitung gerecht werden würde; oder aber einen verdaulichen, leichten Film, der witzig-fröhlich über die DDR-Verhältnisse aufklärt und allerlei erzählenswerte Alltagsdetails vermittelt, wie es Sonnenallee oder Goodbye Lenin vorgeführt haben. In der Mischung des Pathos, mit dem dieser Film daherkommt, und der Strategie, schmerzhafte Szenen zu vermeiden, um für den Zuschauer erträglich zu sein; verdreht der Film Ansätze der Wahrheit zur Lüge und wird selbst unerträglich. Die Diskussion, ob dieser Film zu früh kommt, 17 Jahre nach dem Mauerfall, oder ob Ost- oder West-Regisseure das Skript geschrieben haben, ist dabei vollkommen unerheblich. Die Zeit mag reif sein für einen ernsthaften Film über die Stasi und die DDR, aber es kann nur ein ernsthafter, wahrheitsgetreuer Film ohne Weichspüler und Schönfärbungen diesem ernsten Themen gerecht werden.
rangingsea - 9. Dez, 13:21
Der Nobelpreis hat meinem Lektüre-Plan noch einmal Nachdruck verliehen: jetzt lese ich Orhan Pamuk: Schnee. Zwei Dinge sind mir aufgefallen: Der Text birgt viele Wiederholungen von Fakten, kleine Randbemerkungen, die in der einen oder anderen Form kurz zuvor schon einmal aufgetreten sind. Die Formulierungen sind jeweils anders, aber die kleinen Fakten wiederholen sich. Beim konzentrierten, abschnitt-verschlingendem Lesen stören mich diese Wiederholungen; ich wehre mich gegen den implementen Vorwurf, unaufmerksam zu lesen. Beim Lesen mit Unterbrechungen von mehreren Tagen fallen mir diese eventuellen Fakten schon nicht mehr auf, der Vorwurf geht am eigentlichen Empfänger vorbei. Ein stilistisches Meisterwerk ist der Text beim Springen zwischen verschiedenen Erzähl-Zeitpunkten. Unbemerkt die Perspektiven zu wechseln, die Zeitpunkte zu verschieben, das kann nur Literatur – und wer dieses Stilelement zu nutzen vermag, schreibt Literatur. Abseits vom Stil versetzen mich die Figuren in Verwunderung: Sie verstehen sich ohne Worte, „fühlen“, was der andere meint und erreichen Einverständnisse oder etablieren Gegensätze nicht durch deren verbale Bestätigung, sondern es reicht die Gegenwart dieser gefühlten Umstände. Durch diese offensichtlich gleichzeitig in der Gegenwart eines anderen gefühlte Annäherung finden die Figuren so schnell zueinander, wie es bei einem kommunizierten Kennenlernen allein wohl nie zustande käme. Vielleicht ist es die besondere Aufmerksamkeit des Autors, die diese Ebene der Kommunikation so deutlich herausarbeitet; vielleicht ist es meine gegensätzliche Ignoranz gegenüber diesen feinen Facetten der Kommunikation zwischen Menschen – für mich ist diese wortlose Weise des Verstehens fremd, mystisch, und irreal. Dabei erhält diese Kommunikationsebene als literarisches Stilelement meine volle Wertschätzung: Gedanken – hier Gefühle als klar formulierte Aussagen in Gedanken – sind Stilmittel geschriebener Literatur. Und das sie nur (oder fast nur?) in Literatur übermittelt werden können, zeichnen sie den Literaten aus, der um dieses exclusive Stilmittel weiß, und der damit umgehen kann.
rangingsea - 3. Dez, 16:28