Samstag, 9. Dezember 2006

Das Leben der Anderen

Ich kann mich nicht erinnern, dass mich ein Film ähnlich wütend gemacht hätte. Wahrscheinlich rebelliert meine Wahrheitsliebe gegen diesen Film, der auf eine ernsthafte Aufarbeitung der neueren Geschichte prätendiert, aber dabei die Tatsachen falsifiziert. Der Stein des Anstosses ist für mich die Wandlung des Stasi-Mannes, der zum heimlichen Gehilfen und Retter des von ihm bewachten Oppositionellen wird. Ich kann nicht glauben, dass es auch nur einen Fall in diesem weit gefächerten Apparat gegeben hat, dass ein Stasi-Mitarbeiter die Seiten gewechselt hätte oder seine Karriere aufs Spiel gesetzt hätte, um den von ihm bespitzelten Menschen zu helfen. In der Presse ist kein einziger solcher Fall bekannt geworden – und es spricht nichts dagegen, dass ein solcher Fall es in die Presse geschafft hätte und wohl auch allgemeines gesellschaftliches Wohlwollen gefunden hätte. Die Stasi-Mitarbeiter (dazu noch Hauptamtliche!) als mitfühlende, und mithelfende Gutmenschen darzustellen in einem Film, der mit seinem Gebaren und in seinen Ankündigungen als wahrheitsgetreu und geschichts-aufbereitend daherkommt, ist eine Falsifizierung, eine Lüge, Geschichtsfälschung. Wenn von dem Film ein Gefühl zurückbleibt, dass die Stasi doch kein so schlimmes Regime-Element gewesen sei, weil es ja doch menschlich-liebenswerte Lücken und Quertreiber im System gegeben hat, und deshalb ja alles ganz nett und letztlich ja fast als Happy-End mit beinaher Aussöhnung ausgegangen ist - dann führt sich der Anspruch der Ernsthaftigkeit des Filmes ad absurdum. Ich kann nur hoffen, dass sich niemand auf der Grundlage dieses Filmes eine Meinung über die Stasi bilden wird. Und ich hoffe, dass die Zuschauer diesen Film alsbald als vielleicht berührenden, aber nicht allzu beeindruckenden Film bald wieder vergessen. Vielleicht ist es wirklich ein wichtiger Film für Deutschland, wie die eigens für die Vorstellung in M. angereiste Hauptdarstellerin vor der Vorführung sagte. Aber wohl hoffentlich in dem Sinne, dass den Oppositionellen und Ausspionierten der Stasi endlich wieder ein Anlass geboten wird, laut zu protestieren gegen die Verniedlichung der Stasi in diesem Film und gegen das allgemeine Vergessen.
Die Anklage der Geschichts-Fabrikation erschöpft meine Kritik aber noch nicht. Der Film blendet die schmerzhaften Konflikte zwischen Freunden, Partnern, Kindern und Eltern aus, die aufgrund von IM-Bespitzelungen Freundschaften und Familien zerstört haben. Im Film wird die Partnerin und Verräterin durch Selbstmord aus dem Weg geräumt, und es ist niemand mehr da, gegen den die real vorgekommenen Verdächtigungen ausgesprochen werden könnten. Es gibt zwar eine Menge Szenen, in denen Verdächtigungen und das gegenseitige Bespitzeln thematisiert wird, diese sind aber halbwitzig gehalten und nicht bis zum Ende entwickelt.
Die Filmautoren hätten sich entscheiden müssen, ob sie einen ernsthaften, bitteren, schmerzhaften Film machen wollen, der einzig dem Anspruch der ernsthaften Geschichtsaufarbeitung gerecht werden würde; oder aber einen verdaulichen, leichten Film, der witzig-fröhlich über die DDR-Verhältnisse aufklärt und allerlei erzählenswerte Alltagsdetails vermittelt, wie es Sonnenallee oder Goodbye Lenin vorgeführt haben. In der Mischung des Pathos, mit dem dieser Film daherkommt, und der Strategie, schmerzhafte Szenen zu vermeiden, um für den Zuschauer erträglich zu sein; verdreht der Film Ansätze der Wahrheit zur Lüge und wird selbst unerträglich. Die Diskussion, ob dieser Film zu früh kommt, 17 Jahre nach dem Mauerfall, oder ob Ost- oder West-Regisseure das Skript geschrieben haben, ist dabei vollkommen unerheblich. Die Zeit mag reif sein für einen ernsthaften Film über die Stasi und die DDR, aber es kann nur ein ernsthafter, wahrheitsgetreuer Film ohne Weichspüler und Schönfärbungen diesem ernsten Themen gerecht werden.

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