Sonntag, 3. Dezember 2006

Lektüre

Der Nobelpreis hat meinem Lektüre-Plan noch einmal Nachdruck verliehen: jetzt lese ich Orhan Pamuk: Schnee. Zwei Dinge sind mir aufgefallen: Der Text birgt viele Wiederholungen von Fakten, kleine Randbemerkungen, die in der einen oder anderen Form kurz zuvor schon einmal aufgetreten sind. Die Formulierungen sind jeweils anders, aber die kleinen Fakten wiederholen sich. Beim konzentrierten, abschnitt-verschlingendem Lesen stören mich diese Wiederholungen; ich wehre mich gegen den implementen Vorwurf, unaufmerksam zu lesen. Beim Lesen mit Unterbrechungen von mehreren Tagen fallen mir diese eventuellen Fakten schon nicht mehr auf, der Vorwurf geht am eigentlichen Empfänger vorbei. Ein stilistisches Meisterwerk ist der Text beim Springen zwischen verschiedenen Erzähl-Zeitpunkten. Unbemerkt die Perspektiven zu wechseln, die Zeitpunkte zu verschieben, das kann nur Literatur – und wer dieses Stilelement zu nutzen vermag, schreibt Literatur. Abseits vom Stil versetzen mich die Figuren in Verwunderung: Sie verstehen sich ohne Worte, „fühlen“, was der andere meint und erreichen Einverständnisse oder etablieren Gegensätze nicht durch deren verbale Bestätigung, sondern es reicht die Gegenwart dieser gefühlten Umstände. Durch diese offensichtlich gleichzeitig in der Gegenwart eines anderen gefühlte Annäherung finden die Figuren so schnell zueinander, wie es bei einem kommunizierten Kennenlernen allein wohl nie zustande käme. Vielleicht ist es die besondere Aufmerksamkeit des Autors, die diese Ebene der Kommunikation so deutlich herausarbeitet; vielleicht ist es meine gegensätzliche Ignoranz gegenüber diesen feinen Facetten der Kommunikation zwischen Menschen – für mich ist diese wortlose Weise des Verstehens fremd, mystisch, und irreal. Dabei erhält diese Kommunikationsebene als literarisches Stilelement meine volle Wertschätzung: Gedanken – hier Gefühle als klar formulierte Aussagen in Gedanken – sind Stilmittel geschriebener Literatur. Und das sie nur (oder fast nur?) in Literatur übermittelt werden können, zeichnen sie den Literaten aus, der um dieses exclusive Stilmittel weiß, und der damit umgehen kann.

Erweiterter Dress-Code

In meinem Quartal gehen seit Beginn der kälteren Jahreszeit nur noch bekleidete Hunde mit ihren Herrchen oder Frauchen spazieren. Wie mir ein „Frauchen“ versicherte, könnte es ihrem Hund in der Tat kalt werden, da es ja bald Winter würde. Und was war noch einmal mit dem Fell - aber die Frage habe ich schon nicht mehr laut gestellt. Mancher Hund darf Spezialkleidung tragen, für manch anderen wird ein altes Menschen-Kleidungsstück geopfert. Ein Hund begegnete mir, in einem Strickpullover, mit entsprechend mehr Löchern, der einigermassen Fäden zog. Viel hatte der Hund nicht dagegen zu setzen gegen die Ski-Anzug-mäßigen Overalls mit Reissverschlüssen. In anderen Stadtvierteln wurden gar Hunde in Anzügen mit Kapuzen gesichtet, aber das können auch Übertreibungen neidischer Bewohner benachbarter Quartale gewesen sein.

Aus dem Fenster

Offensichtlich mögen nicht nur Menschen den Blick aus dem Fenster: Im Haus gegenüber erscheint zum einen oder anderen Sonntagnachmittag ein Hundekopf knapp über der Balkonbrüstung, die Vorderpfoten auf dem Geländer, und schaut sich die Szenerie auf dem Hof an. So schaut der Hund aus dem achten Stock, schaut nach unten, den Spaziergängern nach, und schaut nach oben, den Wolken voraus. Dabei gibt er keinen Laut von sich, ganz menschengleich, ein stummer Beobachter. Ob der Hund sich noch manchmal wundert, dass er die Bäume von oben, und nicht von unten sieht?

Yalta

Der majestätisch klingende Name Yalta entpuppt sich als eine eigenartige Ansiedlung von Gebaeuden. In den Aussenbezirken, in die Hänge gedrückt, sieht es ordinär sowjetisch aus. Plattenbauten dicht auf dicht, nur hier mit Palmen vor dem vergitterten Balkon. Die alten Villen im Zentrum sind ebenfalls dicht an dicht geschachtelt, mit wild wuchernden Gärten zwischen ihnen. So wild die Gärten, so uneinheitlich auch der Zustand der Gebäude: Einzelne frisch renoviert, in den Höfen anderer stapeln sich zusammengesammelter Haushaltsschrott, weht viel Wäsche im Wind, und die Villen sehen so eng und intensiv bewohnt aus, als würden die Kommunalkas noch längst nicht aus den weiten Etagen weichen wollen. Man ahnt es, und ich weiss es, dass ich die Gebäude berühmte Menschen beherbergt haben, dass ich hier auf geschichtsträchtigen Boden wandele. Doch nirgendwo ein Zeichen, eine Tafel, wer hier vor mir spaziert ist. Es kann gut sein, dass ich an hier mit jeder Villa, an der ich vorbeigehe, einen historischen Ort ignoriere. Erfahren werde ich es nicht, mangels Schilder oder Aushänge. Umsomehr mürbt mich das Gewissen, etwas verpasst zu haben.

Einstellung zur Arbeitssuche

Wie leichtsinnig die hiesigen Zeitgenossen die Chancen eines Jobs auf das Spiel setzen. Gleich so, als hätte die Funktion, der Arbeitgeber, sein Ruf, die Positionsbezeichnung keine Bedeutung. Den Kontrast bilden dazu die hohen Arbeitslosenzahlen und die vielen Jobs, die keine Perspektive bieten. Vor diesem Hintergrund wäre es logisch, an einem guten Job festhalten zu wollen, oder Bemuehen um einen „guten“ Job erkennen zu lassen. Das Gegenteil scheint der Fall. Bei Einstellungsgesprächen bleiben die Kandidaten stumm, distanziert, desinteressiert. Eine Kündigung scheint sie nicht sonderlich zu stören. Sind die sozialen Netzwerke tatsaechlich so dicht geknuepft, dass es auf eine persoenliche Karriere nicht ankommt, weil jeder in den weichen Schoss der Familie zurückfallen kann? Oder ist es wirklich ein solches Novum, dass es für das Verbleiben und Weiterkommen auf persönliche Leistung ankommt, und nicht auf die Lobby der Familie, oder auf die Beziehungen zu den Vorgesetzten?

Kleine Beobachtungen

Eine Hausfrau in Schuerze liest das Kochbuch auf dem Balkon.

Eine Strassenbahn, die rueckwaerts fahrt.

Ein Benz mit Leipziger Nummernschild, der sich im zähen Verkehr in S. neben der Strassenbahn durch den Verkehr voranbemüht.

An einer der grossen Einfallstrassen nach S. ein Hirte mit drei Ziegen, die aufgereiht auf die Überquerung der vierspurigen Strasse hoffen.

Den Alltag überlisten

10 min frueher aus dem Haus, und die taeglichen Routinen sind andere: Der Strassenfeger kehrt einen anderen Abschnitt der Strasse, an der Haltestelle andere Menschen, die tägliche Begegnung mit der zur Arbeit eilenden Dame an einer Strassenkreuzung.

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