Konsumtion

Sonntag, 28. Januar 2007

Ein Morgen

Endlich wieder einmal ein idealer Sonntagmorgen: Mit moderatem Ausschlafen, etwas mehr Zeit im Bad, viel Kaffee und Zeitunglesen, am besten Feuilleton. Da macht es nichts, dass die ZEIT vom Oktober vergangenen Jahres ist, und der Kaffee aus Instant-Pulver aufgegossen ist, ganz ohne Kaffeeduft. Dafür gibt es Sonnenschein und blauen Himmel, und auf dem Hof liegt eine neue Schicht Schnee. Der von meinem Fenster sichtbare Fernsehturm ist nicht in Nebel, sondern in seinem oberen Ende in eine hohe Wolke gehüllt. Und in der Stadt ist eine Stille, die an Wochentagen in der Metropole M. undenkbar ist. Die Ruhe ruft bei mir Erinnerungen an Sonntage in meinen Behausungen in den provinziellen Städten T. und A. hervor. Aus meinen Fenstern dort waren ein Meer geduckter Häuser mit Vorgärten, brache Flächen mit einigen Industriebauten am weiteren Horizont und ein karger Hof mit angrenzenden siebenstöckigem Plattenbau zu sehen. Die Ausblicke waren jeweils mit Schnee bedeckt, mit der Geräuschkulisse verinzelten Vogelzwitscherns. Es mag Vergangenheitsverklärung sein, mein sich verbreitendes Sehnen nach diesen Momenten provinzieller Stille und Gemütlichkeit .

Samstag, 9. Dezember 2006

Reisegruppen

Beim Frühstück am frühen Sonntagmorgen präsentiert sich mir eine Reisegruppe in vollständiger Mannschaftsstärke. Die Reisegruppe besteht aus sorgfältig gekleideten, gepflegten Senioren im Alter 70+, sämtlich aus den nord-westlichen Gefilden D.s. Wie kann man bei der Buchung einer Reise voraussehen, in welcher Gesellschaft man später reisen wird? Während der Ausgangspunkt der Reise wohl die regionale Zusammensetzung der Reisegruppe weitgehend bestimmt, wie kann man steuern, ob die Gruppe alt oder jung, ungebildet oder studiert, bodenständig oder intellektuell zusammengesetzt sein wird? Das Beispiel meiner Frühstücksgesellschaft zeigt, dass Reiseveranstalter sehr wohl die Gruppenzusammensetzungen steuern. Offensichtlich erfolgreich und sehr zu recht grübelt wohl eine Heerschar von Soziologen und Psychologen über Spezialisierungskonzepten von Reisen und Auswahlkriterien für Reisegruppen-Teilnehmern.

Sonntag, 3. Dezember 2006

Erweiterter Dress-Code

In meinem Quartal gehen seit Beginn der kälteren Jahreszeit nur noch bekleidete Hunde mit ihren Herrchen oder Frauchen spazieren. Wie mir ein „Frauchen“ versicherte, könnte es ihrem Hund in der Tat kalt werden, da es ja bald Winter würde. Und was war noch einmal mit dem Fell - aber die Frage habe ich schon nicht mehr laut gestellt. Mancher Hund darf Spezialkleidung tragen, für manch anderen wird ein altes Menschen-Kleidungsstück geopfert. Ein Hund begegnete mir, in einem Strickpullover, mit entsprechend mehr Löchern, der einigermassen Fäden zog. Viel hatte der Hund nicht dagegen zu setzen gegen die Ski-Anzug-mäßigen Overalls mit Reissverschlüssen. In anderen Stadtvierteln wurden gar Hunde in Anzügen mit Kapuzen gesichtet, aber das können auch Übertreibungen neidischer Bewohner benachbarter Quartale gewesen sein.

Sonntag, 6. November 2005

Sentimentalität in Kilogramm

Vor mir steht die sich halbjaehrlich wiederholende Aufgabe des Kofferpackens. Der angestammte Ort hat ausgedient, es geht weiter, alles neu macht der Mai, der November und dann wieder ein naechster Mai. Vor den leeren Koffern knieend, steht die Entscheidung an, was mitdarf, und was ich den Vermietern und Nachbarn zuruecklassen werde. Es ist nicht so, dass ich mich schwertun würde, mich von Dingen zu trennen. Wenn ich aber doch zögere, einen Pulli zurückzulassen oder ein Buch zu verschenken, wird die Entscheidung prinzipiell: Folge ich dem Minimalismus oder gefalle ich mir in Sentimentalität? Meine Haltung ist tendenziös-pragmatisch: Jede Memorabilität hat ihr Gewicht, je mehr Sentimentalität, desto mehr Kilo im Gepäck. Je mehr Zeit ins Land geht, desto dringlicher stellt sich mir die Frage, was bleibt mir, was werde ich zeigen können von all den Jahren in der Ferne. Bleibe ich dem Minimalismus treu und kehre mit der gleichen Anzahl von Koffern zurück, mit der ich mich aufgemacht habe, oder erlaube ich mir das eine oder andere materielle Andenken, Klotter und Souvenire, die ich nur beim Ein- und wieder Auspacken anfassen werde.

Sonntag, 31. Oktober 2004

Ikea

Die Segnungen der Warenhäuser von Ikea sind diesem Land noch nicht zuteil geworden. D.h. auf dem globalen Aktionsplan von Ikea ist K. noch eine weiße Fläche. Tatsächlich lässt sich eine über die Landesgrenzen vernetzte Bevölkerung aber nicht so leicht vom Fortschritt der übrigen Welt abhängen. Also ergreifen nicht nachstehende Unternehmer die Initiative, und die sieht in gelb-blau fast genau so aus wie überall sonst. In einem Laden auf der Hauptstrasse gelegen, prangt der Name „Ikea“ bereits über der Eingangstür, zwar nicht im Oval eingeschlossen, aber richtig geschrieben. Drinnen gibt es v.a. Ikea-Kleinteile zu kaufen, „Wohnaccessoires“, Kleinmöbel, wenige Schrankwände und keine Polstermöbel. Die Auswahl ist verständlich, da jedes Mal per Hand verlesen und per selbst organisiertem Transport über die nördliche Grenze eingeführt, mit wenig Platz für sperriges Gut. Ob die Ikea-Zentrale den lokal gereimten Werbespruch toll fände „Jesth idea – saidi v Ikea“ (Hast du eine Idee, geh zu Ikea.), wenn sie nur davon wüssten?

Montag, 25. Oktober 2004

Feierabendgelüste

Ich habe ich mich mit einer Flasche Shampanskoje (Es darf geraten werden, worum es sich hier handelt!) zurückgezogen, und meine Erwartungen an das Getränk haben mich nicht getäuscht. Der Sekt (ja, so schnell lüften sich die Schleier) meiner Wahl heisst "Dshulietta" und bezeichnet sich im Untertitel als "Wein, aus Traubensaft, sprudelnd, süß". Natürlich, süß musste er unvermeidlich herkommen, der östliche Sekt. Dass ich mit dieser Flasche nach Hause gegangen bin, lag allerdings nicht an meinen begrenzten Ausdrucksmöglichkeiten im Russischen, sondern an dem reduzierten Angebot, das ich in meinem angestammten Einkaufsladen vorfand. Die Regale waren einigermaßen geplündert, selbst die Wodka-Palette war bereits gelichtet. Ich darf mich also glücklich schätzen, mich im Austausch gegen die Gesamtsumme von zwei Euro der letzten verbliebenen Flasche Sekt, einer Tüte Kekse (die vorletzte), eines Brotes und einer Tüte Milch bemächtigt zu haben. Ich will allerdings falschen Bildern einer angeblichen Warenknappheit vorbeugen: Hätten mich meine Beine etwa zweihundert Meter weitertragen wollen, hätte ich sicherlich in einem weiteren Laden alles Ingredienten zum süßen Leben gefunden, die ich gern erkauft hätte.
Also bin ich mit gefülltem Plastebeutel wieder um den Block zurück in meine stille Behausung gewandert. Bis zum vollständigen Glück verbleiben noch wenige Schritte des Flaschen-Öffnens. Als ich nun Hand anlegen will an die Alufolien-Umhüllung des Korkens, muss ich schon ziemlich friemeln, um da einen ersten Riß zustande zu bekommen.
Vielleicht erhören die hiesigen Hersteller des Getränkes mein Gesuch, dass man in anderen Teilen der Konsumwelt bereits daran gedacht hat, einen vereinfachenden Mechanismus für das teilweise Abreißen der Folienumhüllung um den oberen Hals von Sekt-Flaschen eingeführt hat. Dieser hilft jedenfalls. Enthüllt hat sich eine weitere landestypische Produkteigenschaft, die mir bis zu diesem Moment wieder aus dem Gedächtnis gepurzelt war: Sektflaschenkorken bestehen hier zu 100% aus Plastik. Das ist natürlich ein erfreulicher Umstand für die gefährdeten Korkeichen-Bestände. Andererseits bringt die Materialbeschaffenheit der hiesig verwendeten Korken
auch mit sich, dass die betroffenen Flaschen an sich schwer von ebenjenem Korken zu befreien sind. Aus zurückliegenden Erfahrungen habe ich gelernt, dass es Kräfte bedarf, die über die meinen hinausgehen, um solche Korken zu entfernen. Ich sehe natürlich ein, dass eine schwache Dame sich nicht allein an einer Flasche Sekt zu schaffen machen sollte, und dass aus - im Osten wie im Westen verbreiteten - Tradition eine starke männliche Hand zur Verfügung stehen sollte, nur... - aber das an
anderer Stelle.
Nach einigem Ringen habe ich jedenfalls den Korken mit Hilfe eines Handtuches überwunden, und - plop - kann sich das lang ersehnte Getränk sprudelnd ergiessen - doch halt, wohin? In meiner angemieteten Wohnung stehen mir einige Services und Geschirr zur Verfügung, zu Sektgläsern hat es aber leider doch nicht gereicht. Ich habe die Wahl zwischen goldenen Kaffeetassen und goldgeränderten Saftgläsern. Beim weiteren Durchsehen der ansehnlichen Kristallkollektionen meiner Vermieter habe ich neben diversen Kristallschalen auch zwei kristallene Füllhörner vorgefunden, die mir schlußendlich allerdings wenig zum Trinken geeignet schienen, da man ständig mindestens eine Hand für sie aufrecht halten muss. Zurückgeworfen also auf das Goldservice, kann ich zum optischen Eindruck des Sektes wenig sagen, der erste Schluck jedenfalls - oh ha, ja ich hatte es erwähnt, die Hersteller haben nicht darüber geschwiegen, es ist ein süßer Trunk. Immerhin, schon mit dem ersten Glas, das mittlerweile vor mir zur Neige geht, bin ich wieder ein bißchen mehr mit der Welt versöhnt, und alles was da kommen mag, soll ruhig so sein, wie es sein soll...

Nachtrag:
Ich bin ehrlich neidisch auf die Einwohner der schweizerischen Käserepublik, wo, wie ich selbst erleben durfte, Champagner (!), der nicht süß, nicht mild, sondern das Prädikat trocken verdient hat, unter's Käsefondue gerührt wird! Welch Frevel und Verschwendung! Ich weiß, ich werde die westliche Welt nicht aus den Angeln hebeln und ebenso wissend, dass mein hierorts erhobener Zeigefinger in der bergumrahmten schweizerischen Idylle nicht wahrgenommen wird, wünsche ich allenorts erheblichen Genuss geistlicher Getränke - mag sich mein heutiger Wunsch auch mit morgigen Flüchen über meine Leichtgläubigkeit vermischen.

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