Lektüre
Der Nobelpreis hat meinem Lektüre-Plan noch einmal Nachdruck verliehen: jetzt lese ich Orhan Pamuk: Schnee. Zwei Dinge sind mir aufgefallen: Der Text birgt viele Wiederholungen von Fakten, kleine Randbemerkungen, die in der einen oder anderen Form kurz zuvor schon einmal aufgetreten sind. Die Formulierungen sind jeweils anders, aber die kleinen Fakten wiederholen sich. Beim konzentrierten, abschnitt-verschlingendem Lesen stören mich diese Wiederholungen; ich wehre mich gegen den implementen Vorwurf, unaufmerksam zu lesen. Beim Lesen mit Unterbrechungen von mehreren Tagen fallen mir diese eventuellen Fakten schon nicht mehr auf, der Vorwurf geht am eigentlichen Empfänger vorbei. Ein stilistisches Meisterwerk ist der Text beim Springen zwischen verschiedenen Erzähl-Zeitpunkten. Unbemerkt die Perspektiven zu wechseln, die Zeitpunkte zu verschieben, das kann nur Literatur – und wer dieses Stilelement zu nutzen vermag, schreibt Literatur. Abseits vom Stil versetzen mich die Figuren in Verwunderung: Sie verstehen sich ohne Worte, „fühlen“, was der andere meint und erreichen Einverständnisse oder etablieren Gegensätze nicht durch deren verbale Bestätigung, sondern es reicht die Gegenwart dieser gefühlten Umstände. Durch diese offensichtlich gleichzeitig in der Gegenwart eines anderen gefühlte Annäherung finden die Figuren so schnell zueinander, wie es bei einem kommunizierten Kennenlernen allein wohl nie zustande käme. Vielleicht ist es die besondere Aufmerksamkeit des Autors, die diese Ebene der Kommunikation so deutlich herausarbeitet; vielleicht ist es meine gegensätzliche Ignoranz gegenüber diesen feinen Facetten der Kommunikation zwischen Menschen – für mich ist diese wortlose Weise des Verstehens fremd, mystisch, und irreal. Dabei erhält diese Kommunikationsebene als literarisches Stilelement meine volle Wertschätzung: Gedanken – hier Gefühle als klar formulierte Aussagen in Gedanken – sind Stilmittel geschriebener Literatur. Und das sie nur (oder fast nur?) in Literatur übermittelt werden können, zeichnen sie den Literaten aus, der um dieses exclusive Stilmittel weiß, und der damit umgehen kann.
rangingsea - 3. Dez, 16:28
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