Montag, 25. Oktober 2004

Kurzes Gedächtnis für Pop-Kultur

Fünfzehn Jahre zurückliegende Pop-Mega-Hits sind wahrscheinlich unbekannter als Wagnersche Walzer oder Mozartsche Requien. Es darf gestritten werden, ob das Generationen-Gedächtnis mit dieser Auswahl gerecht funktioniert, also ob Mozart mehr wert ist als MC Hammer. Hier spielt die Musik nicht um das Hängenbleiben im Gedächtnis des Werkes von Einzelpersonen, sondern vielmehr um das Vergessen oder Bewahren ganzer Jahreswerke der Pop-Kultur. Wer damals nicht selbst Bänder am Kassettenrecorder mitgeschnitten hat oder sich noch mit echten (Vinyl-)Schallplatten auskennt, wird wohl kaum die Gelegenheit haben, sich mit den damaligen Stars bekannt zu machen. Das trifft vor allem auf die Generation zu, die einfach zu spät geboren wurde, um sich bewusst an die Musik zu erinnern.
Einen seltenen Lichtpunkt des Erinnerungskultes kann man auf Kanälen ergattern, bei denen das Budget für den Einkauf neuerer Produktionen nicht ausreicht – dort verwerten sich als Pausenfüller und in den Nachtstunden kurz vor der Sendepause Videos von Duran Duran und/oder MC Hammer. Letzteres ist super! Darauf hat man lange warten können, und Überraschungen sind selten im alltäglichen Fernsehprogramm, dass diese Videos bei (einigen ausgewählten) ihrer Zuschauer schon einmal den Mund offen stehen lassen, gefolgt von breitem, glücklichen Grinsen. Echte Glücksbringer.
Für die Menschen, die weder über einen Zugang zu unterfinanzierten Kanälen haben, noch über selbst aufgenommene Kassetten verfügen, müssen natürlich andere Wege her, sie mit den Musikschätzen von vor wenigen Jahrzehnten bekannt zu machen. Greatest-Hits-Alben und Best-of-Sampler sind eine gute Sache, und tatsächlich sollte man sich nicht beschweren, dass es diese nicht gäbe. Noch ein Vorzug dieser kommerziellen Nachverwertung nach aktuellem Verfallsdatum: auf den Alben sind die vermeintlich besten Stücke der Stars versammelt, und in der Tat ersparen sie dem Zuhörer den einen oder anderen Ausrutscher der Pop-Heroen. Hoffnung auch auf anderem Gelände: Dem Genre Video widmen sich ebenfalls einige Retro-Kanäle, die programmatisch nicht dem letzten Schrei hinterhereilen, und eine rettende Insel für alte, bebilderte Musikbeispiele bereitstellen. Die Chancen allerdings, dass weniger angepasste und definitiv nicht träumerische Musik (wie z.B. bereits erwähnter MC Hammer) dort einen Sendeplatz erhält, dürften nur durch massenhafte und straff organisierte Anrufe wünschender Zuschauer mit zweifelhafter Wirksamkeit erhöht werden können. Schließlich bleibt eine Hoffnung: Die Modewellen werden kürzer, und damit steigt die Wahrscheinlichkeit, dass jeder neugeborene Erdenbewohner in Rekordzeit seiner Jugend alle wichtigen vergangenen Pop-Epochen am eigenen Leibe wieder durchwaten darf – im all-inclusive-Paket von Kleidung, Musik etc. Hoffen wir also, dass alle die jungen Menschen, die in Zukunft Retro-MC-Hammer-T-Shirts tragen werden, auch aufrichtig seine Musik und Videos konsumieren werden können.

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