Sonntag, 25. September 2005

Fast zu Hause

Hat das Fremdsein eine Relation? Nach meinem Wechsel von K. Nach R., obwohl nur ueber eine Grenze, bin ich wieder in einer neuen Welt angekommen. Die Landschaft, die Menschen, die andere Stadt halten fuer mich neue Eindruecke bereit. Eine eigene, noch unbekannte Welt tut sich mir hier auf. Es ist ein Gemisch aus Geruechen, Ansichten, Lauten, die mir bekannt scheinen – die Sprache mir bekannt aus K., die Stadtansicht wie in K., dem Strassengeruch kam ich spaeter auf die Spur: den gleichen intensiven Treibstoffdunst erinnere ich von anderswo in R.. Verdaechtig vertraut sind mir die Gesichter, heimisch kommt mir die Kleidung vor, die glaenzenden Einkaufslaeden und die Waelder. Und Neues, Unbekanntes tut sich auf in der Schnelligkeit der Sprache, ein ungehoerter Akzent, der Stolz der Menschen, der weder nach K., noch zu meinen eigenen Wurzeln passt. R. verbluefft mich durch das Abweichen von meinem Standard fuer die Fremde, den ich mir in K. gebildet habe. Die abweichenden Nuancen nehme ich begierig auf, und halte sie zuerst fuer Einfluesse des Westens – Ursprung des mir Vertrauten und Heimischen. Nach der Lichtung der ersten Verblueffung schaelt sich R. als eine neue, eigene Welt heraus, nicht als eine vermeintliche Mischung zwischem Altvertrautem und meinem neuem kulturellen Standard. Die vermeintlichen Einfluesse des Westens sind Aehnlichkeiten der Kultur R.s zu der meinen, oder: weniger grosse Unterschiede der Kultur K.s zu meiner eigenen. In R. bin ich einen grossen Schritt naeher an meiner Kultur. Hier laufend ie Dinge geplanter, geordneter ab, ist das Leben solider eingerichtet, und steht damit als Abstufung zwischen dem, was ich aus meinen tief verankerten und meinen frischeren Erinnerungen aus K. kenne. Ich ertappe mich wieder und wieder dabei, die Merkmale meiner neuen Umgebung auf einer Skala zwischen dem Extrem K.s und dem Nullpunkt meiner Erziehung einordnen zu wollen. Mit der wohlerzogenen Zurueckhaltung der Menschen um mich, der Anerkennung von Bildung, in der groesseren Gegenwaertigkeit Europas verringert sich der Grad meiner gefuehlten Fremdheit; scheine ich fast zu Hause angekommen zu sein. Haette ich aehnlich tiefe Eindruecke meiner neuen fremden Umwelt zurueckbehalten, waere ich zuerst nach R. gegangen, ohne die extremeren Bedingungen von K.? Die abstruse Relativitaetstheorie des Unfassbaren, des Unbekannten haette ich in einer anderen Reihenfolge meiner Aufenthalte wohl kaum entwickeln koennen, und ich koennte mich wohl nicht in dem Schein waehnen, schon wieder fast zu Hause zu sein.

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