Diejenigen, die böse unken, dass die Internet-Revolution nur zur beschleunigten Verbreitung von trivialen Inhalten beitragen würde, verweise ich auf die Gattung blog. Bei einem – bei weitem nicht erschöpfenden – Stöbern durch die Blog-Landschaft sind mir herzerwärmend viele Texte mit intelligentem Inhalt und guter Stilistik über den Bildschirm gekommen, dass ich meine Arme zu einer Versöhnungsumarmung mit der postmodernen Welt ausstrecken möchte. Es gibt eine Menge Menschen, die sich von ihrer kostbaren Zeit nehmen, um ihre Gedanken zu notieren, und – wahrscheinlich viel wichtiger – Lust daran haben, sich für nichts und wieder nichts in Sprachexperimenten zu ergehen. Dabei zeigen viele, dass sie in der Tat mit Sprache umgehen können, schöne Kurven und Wendungen beherrschen. Leichtes Stirnrunzeln rufen bei mir blogs hervor, die den Hauptteil ihrer Pseudo-Sätze mit drei Punkten enden, oder gar noch damit beginnen lassen. Aber auch zwischen sechs Punkten steht hier und da Gutes geschrieben.
Blogs bieten genau die Plattform, die den heimlich oder potentiell Schreibenden nicht geboten wird in den herkömmlichen literarischen Genren, wo sie zwischen allen Stühlen sitzen gelassen wurden. Von Prosa und Lyrik sind blogs meilenwert entfernt, aber Zeitungen kommen in der Eigenschaft der Aktualität der Nische blog wohl am nächsten. Für Zeitungen sind die Texte oft zu persönlich, und zu unausgegoren. Eine private Erfahrung rechtfertigt noch keinen Artikel, aber reicht genau für eine Notiz in einem blog. Für einen Artikel gehört sich eben ungefragt eine weitausschweifende Recherche und die Herstellung eines Bezugs wenn schon nicht zum Weltgeschehen, dann zumindest zu einem aktuellen und lokalisierbaren Thema. Und, blogs sind oft zu witzig für seriöse Publikationen wie Zeitungen. Die Leser könnten den einen oder anderen Humor-Umschwung der Autoren wohl missverstehen, und eine durchweg ironische Zeitung ist wohl auch unvorstellbar – ich kaufe auch Zeitungen für ihre seriöse Berichterstattung, und nicht, um die Ereignisse in einen ironischen Kommentar bereits weiterverarbeitet zu lesen. Blogs sind also eher Lesestoff für nach der Zeitungslektüre. In jedem Falle sind blogs wunderbar, um sich Mal um Mal zu überzeugen, dass es intelligente, scharf beobachtende, nachdenkliche, gebildete, gewitzte, und gar nicht dröge Menschen gibt. Zu einem Wunder der postmodernen Welt gehört es wohl auch, dass diese Menschen mit einem Idealismus ausgestattet sind, um in stillen Kammern viele Stunden zu opfern für ominöse Leser, oder einfach nur, um einen hoffentlich guten Text zu verfassen.
rangingsea - 28. Jan, 10:12
All den westlichen und östlichen Zweifler an der Arbeitsmoral der Bewohner R.s haben wohl die Dvornikis (Hausmeister) aus ihrer Wahrnehmung verbannt. Pünktlich zur frühen Morgenstunde, unabhängig davon, ob es bereits hell ist oder das Dämmern noch bevorsteht, bei Regen, Schnee oder Wind, sieben Tage in der Woche beginnen die Unverdriessbaren ihre Arbeit. Das schabende Geräusch der Besen, das Kratzen der Rechen oder Schneeschieber ist tägliche Begleitmusik meiner Aufstehrituale, und weckt mich für einige Minuten aus dem Wochenendeschlaf. Ich vermute, dass die Hausmeister ihre Arbeit so pünktlich und gründlich aus eigenem Antrieb verrichten, der sich aus einem Verantwortungsgefühl speisen muss, unter Umständen fliessend übergehend zu einem Herrschaftsgefühl über die Hausaufgänge, Gehwege und Grünflächen. Wer ausser die eigene Arbeitsmoral könnte Menschen dazu bringen, pünktlich und in der zur Schau gestellten Korrektheit tagtäglich zu wirken. Natürlich gibt es die Hausbewohner, die pingelig die verrichtete Arbeit begutachten und gegenüber dem allseits präsenten Hausmeister anmerken werden. Als zusammengeschlossene Meute würden die Hausbewohner sicherlich einen eindrucksvollen Einschüterungseffekt erzeugen können; allein zu solcher Verbrüderung dürfte es kaum kommen. Bleibt also die tief verankerte, über Morgen-Müdigkeit, Wetterempflindlichkeiten und eventuelle Kater siegende Arbeitsmoral der Hausmeister R.s. All den Nörglern zum Trotz bestechen die Hausmeister auch noch durch Gründlichkeit: Zu den selbstverständlichen Dingen gehört es, dass die Gehwege täglich gefegt werden, zusätzlich werden aber auch Grünflächen mit Besen bearbeitet. Nicht immer zum Wohl des Grüns, aber Sauberkeit geht vor!
rangingsea - 28. Jan, 10:10
Endlich wieder einmal ein idealer Sonntagmorgen: Mit moderatem Ausschlafen, etwas mehr Zeit im Bad, viel Kaffee und Zeitunglesen, am besten Feuilleton. Da macht es nichts, dass die ZEIT vom Oktober vergangenen Jahres ist, und der Kaffee aus Instant-Pulver aufgegossen ist, ganz ohne Kaffeeduft. Dafür gibt es Sonnenschein und blauen Himmel, und auf dem Hof liegt eine neue Schicht Schnee. Der von meinem Fenster sichtbare Fernsehturm ist nicht in Nebel, sondern in seinem oberen Ende in eine hohe Wolke gehüllt. Und in der Stadt ist eine Stille, die an Wochentagen in der Metropole M. undenkbar ist. Die Ruhe ruft bei mir Erinnerungen an Sonntage in meinen Behausungen in den provinziellen Städten T. und A. hervor. Aus meinen Fenstern dort waren ein Meer geduckter Häuser mit Vorgärten, brache Flächen mit einigen Industriebauten am weiteren Horizont und ein karger Hof mit angrenzenden siebenstöckigem Plattenbau zu sehen. Die Ausblicke waren jeweils mit Schnee bedeckt, mit der Geräuschkulisse verinzelten Vogelzwitscherns. Es mag Vergangenheitsverklärung sein, mein sich verbreitendes Sehnen nach diesen Momenten provinzieller Stille und Gemütlichkeit .
rangingsea - 28. Jan, 10:09
Ich kann mich nicht erinnern, dass mich ein Film ähnlich wütend gemacht hätte. Wahrscheinlich rebelliert meine Wahrheitsliebe gegen diesen Film, der auf eine ernsthafte Aufarbeitung der neueren Geschichte prätendiert, aber dabei die Tatsachen falsifiziert. Der Stein des Anstosses ist für mich die Wandlung des Stasi-Mannes, der zum heimlichen Gehilfen und Retter des von ihm bewachten Oppositionellen wird. Ich kann nicht glauben, dass es auch nur einen Fall in diesem weit gefächerten Apparat gegeben hat, dass ein Stasi-Mitarbeiter die Seiten gewechselt hätte oder seine Karriere aufs Spiel gesetzt hätte, um den von ihm bespitzelten Menschen zu helfen. In der Presse ist kein einziger solcher Fall bekannt geworden – und es spricht nichts dagegen, dass ein solcher Fall es in die Presse geschafft hätte und wohl auch allgemeines gesellschaftliches Wohlwollen gefunden hätte. Die Stasi-Mitarbeiter (dazu noch Hauptamtliche!) als mitfühlende, und mithelfende Gutmenschen darzustellen in einem Film, der mit seinem Gebaren und in seinen Ankündigungen als wahrheitsgetreu und geschichts-aufbereitend daherkommt, ist eine Falsifizierung, eine Lüge, Geschichtsfälschung. Wenn von dem Film ein Gefühl zurückbleibt, dass die Stasi doch kein so schlimmes Regime-Element gewesen sei, weil es ja doch menschlich-liebenswerte Lücken und Quertreiber im System gegeben hat, und deshalb ja alles ganz nett und letztlich ja fast als Happy-End mit beinaher Aussöhnung ausgegangen ist - dann führt sich der Anspruch der Ernsthaftigkeit des Filmes ad absurdum. Ich kann nur hoffen, dass sich niemand auf der Grundlage dieses Filmes eine Meinung über die Stasi bilden wird. Und ich hoffe, dass die Zuschauer diesen Film alsbald als vielleicht berührenden, aber nicht allzu beeindruckenden Film bald wieder vergessen. Vielleicht ist es wirklich ein wichtiger Film für Deutschland, wie die eigens für die Vorstellung in M. angereiste Hauptdarstellerin vor der Vorführung sagte. Aber wohl hoffentlich in dem Sinne, dass den Oppositionellen und Ausspionierten der Stasi endlich wieder ein Anlass geboten wird, laut zu protestieren gegen die Verniedlichung der Stasi in diesem Film und gegen das allgemeine Vergessen.
Die Anklage der Geschichts-Fabrikation erschöpft meine Kritik aber noch nicht. Der Film blendet die schmerzhaften Konflikte zwischen Freunden, Partnern, Kindern und Eltern aus, die aufgrund von IM-Bespitzelungen Freundschaften und Familien zerstört haben. Im Film wird die Partnerin und Verräterin durch Selbstmord aus dem Weg geräumt, und es ist niemand mehr da, gegen den die real vorgekommenen Verdächtigungen ausgesprochen werden könnten. Es gibt zwar eine Menge Szenen, in denen Verdächtigungen und das gegenseitige Bespitzeln thematisiert wird, diese sind aber halbwitzig gehalten und nicht bis zum Ende entwickelt.
Die Filmautoren hätten sich entscheiden müssen, ob sie einen ernsthaften, bitteren, schmerzhaften Film machen wollen, der einzig dem Anspruch der ernsthaften Geschichtsaufarbeitung gerecht werden würde; oder aber einen verdaulichen, leichten Film, der witzig-fröhlich über die DDR-Verhältnisse aufklärt und allerlei erzählenswerte Alltagsdetails vermittelt, wie es Sonnenallee oder Goodbye Lenin vorgeführt haben. In der Mischung des Pathos, mit dem dieser Film daherkommt, und der Strategie, schmerzhafte Szenen zu vermeiden, um für den Zuschauer erträglich zu sein; verdreht der Film Ansätze der Wahrheit zur Lüge und wird selbst unerträglich. Die Diskussion, ob dieser Film zu früh kommt, 17 Jahre nach dem Mauerfall, oder ob Ost- oder West-Regisseure das Skript geschrieben haben, ist dabei vollkommen unerheblich. Die Zeit mag reif sein für einen ernsthaften Film über die Stasi und die DDR, aber es kann nur ein ernsthafter, wahrheitsgetreuer Film ohne Weichspüler und Schönfärbungen diesem ernsten Themen gerecht werden.
rangingsea - 9. Dez, 13:21
Pamuk legt seinen Romanfiguren als Argumente für das Kopftuch in den Mund, dass es die Frauen vor den begehrlichen Blicken der Männer schützt. Daneben findet sich das Koran-Zitat, dass sich die Frau verhüllen soll – den Verweis lege ich zu den Akten als Bemäntelung und Rechtfertigung der eigentlichen Absicht. Die wiederum die weltliche, originäre Forderung des Kopftuch-Tragens ist. Da ich es nicht besser weiss, nehme ich die Argumente der Pamuk’schen Protagonisten als wahrheitsgetreu übermittelt an. Der Schriftsteller Pamuk kann hier manipuliert haben – ich begebe mich ganz in die Abhängigkeit zu seiner Wahrheitstreue.
Mir stösst auf, dass es keinem der Protagonisten einfällt, die Perspektive des Problems zu wechseln. Frauen sollen sich verhüllen, um den unbeherrschten Männerblicken auszuweichen. Warum sollen nicht Männer erzogen werden, Frauen eben nicht nachzustieren und ihre Gier nach Frauen(körpern) zu beherrschen? Diese umgekehrte Logik klingt so einfach, dass sie gleichzeitig naiv scheint. Um die Vermutung der Naivität nicht auf den Schreibenden überspringen zu lassen, füge ich selbstverteidigend folgendes an: Politikökonomische Modelle würden natürlich suggerieren, dass die Meinungsführer den für sie bequemsten Pfad wählen, und der wäre nun einmal, nicht sich selbst zu beschränken, sondern anderen Beschränkungen aufzuerlegen. In diesem Falle würden die meinungsführenden Männer nicht auf die Idee kommen, die Veränderung bei sich selbst zu beginnen, sondern an den Symptomen ihrer eigenen Einstellungen zu doktorn. Hier würden sie die schwächer vertretenen Frauen zum Tragen von Kopftüchern zu zwingen, um eventuell aufzuweckenden Begehrlichkeiten zu vermeiden. Und natürlich soll angemerkt werden, dass es keineswegs leicht ist, tief verwurzelte Einstellungen zu verändern und einen gesellschaftlichen und kulturellen Wandel zu bewerkstelligen. Aber diese zwei Argumente beschreiben nur Schwierigkeiten der Durchführung.
Ich vermute, dass die religiös motivierte Argumentation noch vor diesen Durchführungs-Fragen ansetzt. Ich vertraue auf den schwankenden Boden meiner Bibelkenntnisse, und erinnere verschwommen, dass dort die Frau mit einer geschlechterspezifischen Erbsünde geboren ist, und immer daran schuld sein wird, das Begehren des Mannes hervorzurufen. Wenn diese Aussage von den religiösen Kopftuch-Verfechtern als status quo angenommen wird, wird natürlich immer die Frau Sorge tragen müssen, nicht angestarrt und nicht weitergehend begehrt zu werden. Die männliche Hälfte ist hier aussen vor, weil sie ja herausgefordert wird, und nur ihren Instinkten gehorcht. Es sieht so aus, als ob Frauen und Männer in einem Teufelskreis gefangen wären: Die Frau als ewig lockendes Weibskörper schreitet vor dem Mann auf und ab, der dumpf seinen Tier-Instinkten gehorchend, immer wieder in die Falle tappt, und sein Verlangen nicht zügeln kann. Warum der Mann seine Instinkte allerdings nicht beherrschen kann, wenn er doch sonst imstande ist, Berge zu bewegen, lässt die Bibel ungeklärt. Bleibt also kein Argument gegen den Vorschlag, dass die andere, männliche Seite, die Anstregung annehmen könnte, das Tierreich zu verlassen und grössere Beherrschung zu zeigen. Was die Protagonisten von Pamuk angeht, tendiere ich zu leiser Hoffnung, dass eine Diskussion mit umgekehrten Perspektiven noch vorkommen wird. Ich bin erst bei der Hälfte des Buches angelangt.
rangingsea - 9. Dez, 13:21
Beim Frühstück am frühen Sonntagmorgen präsentiert sich mir eine Reisegruppe in vollständiger Mannschaftsstärke. Die Reisegruppe besteht aus sorgfältig gekleideten, gepflegten Senioren im Alter 70+, sämtlich aus den nord-westlichen Gefilden D.s. Wie kann man bei der Buchung einer Reise voraussehen, in welcher Gesellschaft man später reisen wird? Während der Ausgangspunkt der Reise wohl die regionale Zusammensetzung der Reisegruppe weitgehend bestimmt, wie kann man steuern, ob die Gruppe alt oder jung, ungebildet oder studiert, bodenständig oder intellektuell zusammengesetzt sein wird? Das Beispiel meiner Frühstücksgesellschaft zeigt, dass Reiseveranstalter sehr wohl die Gruppenzusammensetzungen steuern. Offensichtlich erfolgreich und sehr zu recht grübelt wohl eine Heerschar von Soziologen und Psychologen über Spezialisierungskonzepten von Reisen und Auswahlkriterien für Reisegruppen-Teilnehmern.
rangingsea - 9. Dez, 13:13
Die Hauptmasse der Touristen ist in Gruppen unterwegs, je ihrem Führer folgend, der seine Schäfchen mit Sorge im Auge behält. In der Menge finden sich auch aber Individual-Touristen oder einfach nur Spaziergänger. Die Einzelgänger fallen nicht sonderlich auf, durchbrechen aber die Symmetrie der Gruppen. Sie halten für den Anschein her, dass an den zentralsten Punkten von F. auch ein normales Leben geführt wird. Ich sehe kaum Besucher, die von Freunden oder Verwandten durch die Stadt geführt werden. Der Tourismus ist hier - anders als in R. – eine getrennte Veranstaltung von Verwandten-Besuchen und privaten Reisen.
rangingsea - 9. Dez, 13:12
Ich beäuge neugierig die Touristen, die sich am fortgeschrittenen Sonntagmorgen an den selben Plätzen wie ich in F. eingefunden haben. Ich beobachte mit Wohlwollen, wieviel Zeit sie sich nehmen, um die Umgebung zu betrachten, wie sie mit offenem Blick die Fassaden abmessen, mit gespitztem Ohr den Geschichten über die Stadt zuhören. Die Touristenmenge ist multikulturell, gut durchschmischt, mit Einschlägen aus allen Erdteilen, wobei längst nicht mehr zu sagen ist, wer woher kommt. Unter den Touristen bemerke ich einen grossen Anteil Einwohner D.s, die sich zur Erkundung anderer Städte ihres eigenen Landes – oder gar ihrer eigenen Stadt? – aufgemacht haben. Sehr sympathisch ist mir das Interesse und die Lust, im doch eigentlich bekannten, eigenen Land lokal spezifische, individuelle Eigenheiten zu erkunden.
rangingsea - 9. Dez, 13:10
In O. geht das Leben einen gemütlicheren Gang. Während in M. stets Eile und Gehetztheit zu spüren sind, herrscht in O. Gelassenheit und Würde. Die Langsamkeit der Flaneure ist abends, beim Bummel durch die alten Straßen, verständlich. Aber auch tags hat man es weniger eilig. Vielleicht hat man weniger zu tun, vielleicht mehr Zeit. Vielleicht sind es mehr Menschen, die nichts oder weniger zu tun haben als genussvoll zu wandeln, und die wiederum alle anderen bremsen. Diejenigen, die andernorts eilen würden, lassen sich vom gemächlichen Tempo der anderen anstecken.
rangingsea - 9. Dez, 13:08
Abends in den Straßen von O. verblüfft mich die Menschenleere. Lange Zeit habe ich nicht mehr so wenige Menschen auf den Straßen angetroffen. Ich muss mich von meinem Wissen überzeugen lassen, dass ich nicht in einer Geisterstadt spazieren gehe.
rangingsea - 9. Dez, 13:04
Ich staune über die Stille und Unbelebtheit der Straßen, die ich morgens und abends bei meinem Gang zu und von der Arbeit antreffe. Sind es die geringere Anzahl von Autos, deren leisere Motorengeräusche, oder sind es die weniger zahlreichen Menschen, der geringeren Bevölkerungsdichte in O. geschuldet, die den Geräuschpegel senken? Oder sind es die Menschen, die ruhiger, stiller und unauffälliger ihren Geschäften nachgehen als die Menschen in M.?
rangingsea - 9. Dez, 13:01
Der Nobelpreis hat meinem Lektüre-Plan noch einmal Nachdruck verliehen: jetzt lese ich Orhan Pamuk: Schnee. Zwei Dinge sind mir aufgefallen: Der Text birgt viele Wiederholungen von Fakten, kleine Randbemerkungen, die in der einen oder anderen Form kurz zuvor schon einmal aufgetreten sind. Die Formulierungen sind jeweils anders, aber die kleinen Fakten wiederholen sich. Beim konzentrierten, abschnitt-verschlingendem Lesen stören mich diese Wiederholungen; ich wehre mich gegen den implementen Vorwurf, unaufmerksam zu lesen. Beim Lesen mit Unterbrechungen von mehreren Tagen fallen mir diese eventuellen Fakten schon nicht mehr auf, der Vorwurf geht am eigentlichen Empfänger vorbei. Ein stilistisches Meisterwerk ist der Text beim Springen zwischen verschiedenen Erzähl-Zeitpunkten. Unbemerkt die Perspektiven zu wechseln, die Zeitpunkte zu verschieben, das kann nur Literatur – und wer dieses Stilelement zu nutzen vermag, schreibt Literatur. Abseits vom Stil versetzen mich die Figuren in Verwunderung: Sie verstehen sich ohne Worte, „fühlen“, was der andere meint und erreichen Einverständnisse oder etablieren Gegensätze nicht durch deren verbale Bestätigung, sondern es reicht die Gegenwart dieser gefühlten Umstände. Durch diese offensichtlich gleichzeitig in der Gegenwart eines anderen gefühlte Annäherung finden die Figuren so schnell zueinander, wie es bei einem kommunizierten Kennenlernen allein wohl nie zustande käme. Vielleicht ist es die besondere Aufmerksamkeit des Autors, die diese Ebene der Kommunikation so deutlich herausarbeitet; vielleicht ist es meine gegensätzliche Ignoranz gegenüber diesen feinen Facetten der Kommunikation zwischen Menschen – für mich ist diese wortlose Weise des Verstehens fremd, mystisch, und irreal. Dabei erhält diese Kommunikationsebene als literarisches Stilelement meine volle Wertschätzung: Gedanken – hier Gefühle als klar formulierte Aussagen in Gedanken – sind Stilmittel geschriebener Literatur. Und das sie nur (oder fast nur?) in Literatur übermittelt werden können, zeichnen sie den Literaten aus, der um dieses exclusive Stilmittel weiß, und der damit umgehen kann.
rangingsea - 3. Dez, 16:28
In meinem Quartal gehen seit Beginn der kälteren Jahreszeit nur noch bekleidete Hunde mit ihren Herrchen oder Frauchen spazieren. Wie mir ein „Frauchen“ versicherte, könnte es ihrem Hund in der Tat kalt werden, da es ja bald Winter würde. Und was war noch einmal mit dem Fell - aber die Frage habe ich schon nicht mehr laut gestellt. Mancher Hund darf Spezialkleidung tragen, für manch anderen wird ein altes Menschen-Kleidungsstück geopfert. Ein Hund begegnete mir, in einem Strickpullover, mit entsprechend mehr Löchern, der einigermassen Fäden zog. Viel hatte der Hund nicht dagegen zu setzen gegen die Ski-Anzug-mäßigen Overalls mit Reissverschlüssen. In anderen Stadtvierteln wurden gar Hunde in Anzügen mit Kapuzen gesichtet, aber das können auch Übertreibungen neidischer Bewohner benachbarter Quartale gewesen sein.
rangingsea - 3. Dez, 16:27
Offensichtlich mögen nicht nur Menschen den Blick aus dem Fenster: Im Haus gegenüber erscheint zum einen oder anderen Sonntagnachmittag ein Hundekopf knapp über der Balkonbrüstung, die Vorderpfoten auf dem Geländer, und schaut sich die Szenerie auf dem Hof an. So schaut der Hund aus dem achten Stock, schaut nach unten, den Spaziergängern nach, und schaut nach oben, den Wolken voraus. Dabei gibt er keinen Laut von sich, ganz menschengleich, ein stummer Beobachter. Ob der Hund sich noch manchmal wundert, dass er die Bäume von oben, und nicht von unten sieht?
rangingsea - 3. Dez, 16:26
Der majestätisch klingende Name Yalta entpuppt sich als eine eigenartige Ansiedlung von Gebaeuden. In den Aussenbezirken, in die Hänge gedrückt, sieht es ordinär sowjetisch aus. Plattenbauten dicht auf dicht, nur hier mit Palmen vor dem vergitterten Balkon. Die alten Villen im Zentrum sind ebenfalls dicht an dicht geschachtelt, mit wild wuchernden Gärten zwischen ihnen. So wild die Gärten, so uneinheitlich auch der Zustand der Gebäude: Einzelne frisch renoviert, in den Höfen anderer stapeln sich zusammengesammelter Haushaltsschrott, weht viel Wäsche im Wind, und die Villen sehen so eng und intensiv bewohnt aus, als würden die Kommunalkas noch längst nicht aus den weiten Etagen weichen wollen. Man ahnt es, und ich weiss es, dass ich die Gebäude berühmte Menschen beherbergt haben, dass ich hier auf geschichtsträchtigen Boden wandele. Doch nirgendwo ein Zeichen, eine Tafel, wer hier vor mir spaziert ist. Es kann gut sein, dass ich an hier mit jeder Villa, an der ich vorbeigehe, einen historischen Ort ignoriere. Erfahren werde ich es nicht, mangels Schilder oder Aushänge. Umsomehr mürbt mich das Gewissen, etwas verpasst zu haben.
rangingsea - 3. Dez, 16:25
Wie leichtsinnig die hiesigen Zeitgenossen die Chancen eines Jobs auf das Spiel setzen. Gleich so, als hätte die Funktion, der Arbeitgeber, sein Ruf, die Positionsbezeichnung keine Bedeutung. Den Kontrast bilden dazu die hohen Arbeitslosenzahlen und die vielen Jobs, die keine Perspektive bieten. Vor diesem Hintergrund wäre es logisch, an einem guten Job festhalten zu wollen, oder Bemuehen um einen „guten“ Job erkennen zu lassen. Das Gegenteil scheint der Fall. Bei Einstellungsgesprächen bleiben die Kandidaten stumm, distanziert, desinteressiert. Eine Kündigung scheint sie nicht sonderlich zu stören. Sind die sozialen Netzwerke tatsaechlich so dicht geknuepft, dass es auf eine persoenliche Karriere nicht ankommt, weil jeder in den weichen Schoss der Familie zurückfallen kann? Oder ist es wirklich ein solches Novum, dass es für das Verbleiben und Weiterkommen auf persönliche Leistung ankommt, und nicht auf die Lobby der Familie, oder auf die Beziehungen zu den Vorgesetzten?
rangingsea - 3. Dez, 16:24
Eine Hausfrau in Schuerze liest das Kochbuch auf dem Balkon.
Eine Strassenbahn, die rueckwaerts fahrt.
Ein Benz mit Leipziger Nummernschild, der sich im zähen Verkehr in S. neben der Strassenbahn durch den Verkehr voranbemüht.
An einer der grossen Einfallstrassen nach S. ein Hirte mit drei Ziegen, die aufgereiht auf die Überquerung der vierspurigen Strasse hoffen.
rangingsea - 3. Dez, 16:23
10 min frueher aus dem Haus, und die taeglichen Routinen sind andere: Der Strassenfeger kehrt einen anderen Abschnitt der Strasse, an der Haltestelle andere Menschen, die tägliche Begegnung mit der zur Arbeit eilenden Dame an einer Strassenkreuzung.
rangingsea - 3. Dez, 16:22
An diesem Wochenende wurde ein Feiertag dem Wochenende vorangestellt. Am Morgen liegt eine Gedämpftheit über der Stadt, die mich nach dem zeitigen Aufwachen überrascht. Die Straßen scheinen leergefegt, nur wenige Autos sind unterwegs, das Rumpeln der Straßenbahnen ist nur mit ungewohnt langen Pausen zu hören. Es braucht lange, bis sich die Szenerie belebt auf dem Hof und zur Stadt hin. Gegen Mittag tauchen einige torkelnde Gestalten auf, Lieder singend, zum Feiertag grüßend. Ein Mann kann nicht an sich halten und wäscht seinen Wagen im Hof. Laut diskutierend, dass dieser Feiertag künstlich und erfunden sei, und erfragt sich den Beweis, dass niemand wisse, zu wessen Ehren er begangen wäre. An diesem Tage fehlen die die Eiligkeit der zur Arbeit Verpflichteten, die Geschäftigkeit des endlos Hin- und Herwallenden Verkehrs, die Zielstrebigkeit der vom Einkauf Heimkehrenden. Eine eigenartige Ruhe in einem Land, in dem der Sonntag keinen Haltepunkt bietet, in dem am Wochenende turbulenter gehandelt wird als an allen anderen Wochentagen. Ein freier Tag mehr, und ernsthafte Feiertagsstimmung legt sich über das Land. Es darf vermutet werden, dass die Hingabe an den Feiertag mit vielen Flaschen Wodka erkauft wurde.
rangingsea - 6. Nov, 18:12
Vor mir steht die sich halbjaehrlich wiederholende Aufgabe des Kofferpackens. Der angestammte Ort hat ausgedient, es geht weiter, alles neu macht der Mai, der November und dann wieder ein naechster Mai. Vor den leeren Koffern knieend, steht die Entscheidung an, was mitdarf, und was ich den Vermietern und Nachbarn zuruecklassen werde. Es ist nicht so, dass ich mich schwertun würde, mich von Dingen zu trennen. Wenn ich aber doch zögere, einen Pulli zurückzulassen oder ein Buch zu verschenken, wird die Entscheidung prinzipiell: Folge ich dem Minimalismus oder gefalle ich mir in Sentimentalität? Meine Haltung ist tendenziös-pragmatisch: Jede Memorabilität hat ihr Gewicht, je mehr Sentimentalität, desto mehr Kilo im Gepäck. Je mehr Zeit ins Land geht, desto dringlicher stellt sich mir die Frage, was bleibt mir, was werde ich zeigen können von all den Jahren in der Ferne. Bleibe ich dem Minimalismus treu und kehre mit der gleichen Anzahl von Koffern zurück, mit der ich mich aufgemacht habe, oder erlaube ich mir das eine oder andere materielle Andenken, Klotter und Souvenire, die ich nur beim Ein- und wieder Auspacken anfassen werde.
rangingsea - 6. Nov, 18:11
Hat das Fremdsein eine Relation? Nach meinem Wechsel von K. Nach R., obwohl nur ueber eine Grenze, bin ich wieder in einer neuen Welt angekommen. Die Landschaft, die Menschen, die andere Stadt halten fuer mich neue Eindruecke bereit. Eine eigene, noch unbekannte Welt tut sich mir hier auf. Es ist ein Gemisch aus Geruechen, Ansichten, Lauten, die mir bekannt scheinen – die Sprache mir bekannt aus K., die Stadtansicht wie in K., dem Strassengeruch kam ich spaeter auf die Spur: den gleichen intensiven Treibstoffdunst erinnere ich von anderswo in R.. Verdaechtig vertraut sind mir die Gesichter, heimisch kommt mir die Kleidung vor, die glaenzenden Einkaufslaeden und die Waelder. Und Neues, Unbekanntes tut sich auf in der Schnelligkeit der Sprache, ein ungehoerter Akzent, der Stolz der Menschen, der weder nach K., noch zu meinen eigenen Wurzeln passt. R. verbluefft mich durch das Abweichen von meinem Standard fuer die Fremde, den ich mir in K. gebildet habe. Die abweichenden Nuancen nehme ich begierig auf, und halte sie zuerst fuer Einfluesse des Westens – Ursprung des mir Vertrauten und Heimischen. Nach der Lichtung der ersten Verblueffung schaelt sich R. als eine neue, eigene Welt heraus, nicht als eine vermeintliche Mischung zwischem Altvertrautem und meinem neuem kulturellen Standard. Die vermeintlichen Einfluesse des Westens sind Aehnlichkeiten der Kultur R.s zu der meinen, oder: weniger grosse Unterschiede der Kultur K.s zu meiner eigenen. In R. bin ich einen grossen Schritt naeher an meiner Kultur. Hier laufend ie Dinge geplanter, geordneter ab, ist das Leben solider eingerichtet, und steht damit als Abstufung zwischen dem, was ich aus meinen tief verankerten und meinen frischeren Erinnerungen aus K. kenne. Ich ertappe mich wieder und wieder dabei, die Merkmale meiner neuen Umgebung auf einer Skala zwischen dem Extrem K.s und dem Nullpunkt meiner Erziehung einordnen zu wollen. Mit der wohlerzogenen Zurueckhaltung der Menschen um mich, der Anerkennung von Bildung, in der groesseren Gegenwaertigkeit Europas verringert sich der Grad meiner gefuehlten Fremdheit; scheine ich fast zu Hause angekommen zu sein. Haette ich aehnlich tiefe Eindruecke meiner neuen fremden Umwelt zurueckbehalten, waere ich zuerst nach R. gegangen, ohne die extremeren Bedingungen von K.? Die abstruse Relativitaetstheorie des Unfassbaren, des Unbekannten haette ich in einer anderen Reihenfolge meiner Aufenthalte wohl kaum entwickeln koennen, und ich koennte mich wohl nicht in dem Schein waehnen, schon wieder fast zu Hause zu sein.
rangingsea - 25. Sep, 06:52